Im Schatten der großen Schwester -
Die Alte Schwentine
von Theresia Künstler und Gerd Dreßler
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Im Schatten der großen Schwester - Die Alte Schwentine von Theresia Künstler und Gerd Dreßler Die Holsteinische Schweiz ist untrennbar mit der Schwentine verbunden, ihre Seenlandschaft Magnet für Erholungssuchende. Die Alte Schwentine dagegen von Bornhöved nach Preetz fristet ein Schattendasein. Zu Unrecht, finden Theresia Künstler und Gerd Dreßler und stellen in einem Überblick den Kultur- und Naturraum vor, den der Flusslauf geprägt hat. Geschichtsträchtiger Fluss mit folgenschwerer Verwechslung In den amtlichen topografischen Karten ist dem Namen Alte Schwentine in Klammern die Bezeichnung Kührener Au beigefügt, unter dem sie in ihrem Unterlauf allgemein bekannt ist. In den Auseinandersetzungen zwischen Sachsen und Wenden um die Vorherrschaft in Wagrien wurde in karolingischer Zeit der Sachsenwall geschaffen, der an den Ostgrenzen Holsteins und Stormans in seinem nördlichen Bereich der Alten Schwentine von Bornhöved bis Preetz als natürlicher Grenze folgte. Allerdings war der Limes Saxoniae mehr eine Demarkationslinie als ein durchgehender Verteidigungswall, deren Schutzfunktion in schwer durchdringbaren Gewässern und Sumpf- und Feuchtgebieten bestand. Im Verlaufe der Ostkolonisation im 13. Jahrhundert errichteten hier Holsten und Stormaner Turmhügelburgen, von denen aus sie das Land beherrschten. Die Slawen sicherten ihrerseits die Grenze zwischen dem Schmalen- und dem Belauer See durch die Belauburg, heute ein Erdwall am Vierer Weg. Sie konnten aber die Kolonisation ihres Siedlungsgebietes unter den Schauenburger Grafen in der Folgezeit nicht verhindern. An einem Hang am Westufer des Schmalensees liegt der Ortsteil Vier der Gemeinde Ruhwinkel. Die holsteinischen Gaue waren viergeteilt, vermutlich den Bedürfnissen der militärischen Aushebung geschuldet. Der militärisch-politischen Bedeutung des Faldera-Gaues als Grenzgau entsprach die Wahl des Viert bei Bornhöved als Versammlungsort der gesamten Ritterschaft des Landes bis zum Spätmittelalter. Heute weist ein Gedenkstein auf die historische Bedeutung dieses Ortes als Vorläufer der späteren Landtage hin, der einen eindrucksvollen Blick über die Seenlandschaft bietet. Kloster, Gutshöfe, Wassermühlen und Dörfer Heute sind von den einst umfangreichen Ländereien in der Probstei noch etwa 1600 ha Land und Wald im Klosterbesitz geblieben, die von der Klosterverwaltung bewirtschaftet werden. Von der ehemaligen Klostermühle sind die Turbinenkammern mit ihren Kreuzgewölben im Flussbett unter der Straßenbrücke geblieben. Dem imposanten Bauwerk droht der Abriss, da Mittel für die Sanierung fehlen. Im Harderpark mündet die Alte Schwentine, die im Preetzer Stadtgebiet Mühlenau genannt wird, nach 25 Kilometern in die Bungsberg - Schwentine ein. Ritterschaft und Adel haben die Siedlungsgeschichte der Neuzeit in Ostholstein durch Ausbildung bäuerlicher Leibeigenschaft als Folge der Gutsherrschaft maßgeblich geprägt. Die beiden Güter Depenau und Perdoel an der Alten Schwentine spiegeln die Adelsgeschichte bekannter holsteinischer Geschlechter wider. Perdoel geht auf das 13. Jahrhundert zurück und hat seinen Ursprung in einer Turmhügelburg (Motte) im Stolper See. Depenau fiel 1551 infolge Erbreglung auf Perdoel an den Bruder des Erbberechtigten. Das Torhaus in Perdoel ist 1735 erbaut und frei zugängig; das Gut Depenau dagegen in Privatbesitz. Die Wassermühlen waren Zwangsmühlen und Dienstleistungszentren; ihre angegliederten Schankwirtschaften regionale Treffpunkte. Der Landgasthof in der Perdoeler Mühle an der Nordspitze des Belauer Sees ist zurzeit geschlossen; das imposante Depenauer Mühlengebäude am Nordende des Stolper Sees geht einer gründlichen Renovierung entgegen. Als vierte Mühle verdient die spätmittelalterliche Wasserm+hle des Gutes Kühren Beachtung, die 1485 erstmals erwähnt wird. Sie liegt an einem Seitenarm, der von Kührenerbrücke zum Lanker See verläuft und dort aufgestaut wurde. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurde in Perdoel eine Glashütte betrieben, in der 15 Arbeiter unter Anleitung eines Glasmeisters Waldglasflaschen und Gebrauchsglas herstellten. Die Buchen wurden der Holzung Bockhorn entnommen, ihre Pottasche lieferte gemeinsam mit regionalem Quarzsand das Rohmaterial zur Glasherstellung. Archäologische Funde aus dieser Periode sind im „Museum des Kreises Plön mit norddeutscher Glassammlung“ zu sehen. Liebschaften und Kulturschaffende Am Wegesrand von Depenau nach Löptin erinnert noch heute ein Grenzstein aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts („LÖPTIEN GRÄNS“) daran, dass das Herzogtum Holstein Teil des dänischen Gesamtstaates war. Ebenfalls in Ruhwinkel beheimatet ist Iven Kruse (1865-1926), der durch idyllische Novellen aus seiner holsteinischen Heimat Bekanntheit erlangte. Heute schreibt auf Hof Wittmaaßen bei Stolpe der Bio-Milchbauer Matthias Stührwoldt humorvolle Episoden aus dem Leben eines Landwirtes („Verliebt Trecker fahren“), die sich überregionaler Beliebtheit erfreuen. Landschaft und Landwirtschaft im Wandel Die Flurbereinigung nach dem II. Weltkrieg tat der fortschreitenden Motorisierung der landwirtschaftlichen Betriebe Genüge und bewirkte weitere Flächenzusammenlegungen, denen viele Knicks weichen mussten. In der intensivierten Landwirtschaft werden sie vielfach als lästig empfunden. Sie sind als schützenswerte Biotope unter Naturschutz gestellt, schaffen ein wachstumsfreundliches Mikroklima und bieten Tieren und Pflanzen Schutz und Lebensraum. Die Luftaufnahme der Postseefeldmark aus dem Jahr 2009 lässt im Vergleich mit der Varendorf-Karte die Strukturen noch erkennen, zeigt aber auch, dass viele Knicks nicht mehr vorhanden sind. Die Entlassung der Bauern aus der Leibeigenschaft verlief um die Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert; ein Prozess, der sich nicht nur über Jahrzehnte hinzog, sondern auch die schleswig-holsteinischen Gutsbesitzer entzweite. Mit Hans Graf von Rantzau auf Gut Ascheberg fand die „Bauernbefreiung von oben“ einen ihrer wichtigsten Protagonisten im hiesigen Raum. Gemeinsam mit dem ersten nicht-adeligen Besitzer des Gutes Perdoel, Georg Ludwig Bokelmann, vertrat er in dieser Frage einen weit blickenden Ansatz. Auch Nikolaus Graf von Luckner auf Gut Depenau, der 1794 in Paris guillotiniert wurde, und sein Sohn Ferdinand sahen wegen der vielen Aufstände der Bauern in Depenau eine dauerhafte Problemlösung nur in einer Entlassung ihrer Untertanen aus der Leibeigenschaft. Die 1805 per Gesetz verordnete Befreiung der Bauern ging einher mit der Überführung von Acker- und Weideland aus adeligem Grundbesitz in bäuerliches Eigentum, zumeist in Erb- oder Zeitpacht. Doch damit waren längst nicht alle sozialen Probleme gelöst. Die Situation 1844-1845 auf dem Lande wird im Jahrbuch für Heimatkunde im Kreis Plön 2002 wie folgt beschrieben:
In den Güterdistrikten waren von der Katastrophe biblischen Ausmaßes (Anm. d. V.: Hungersnot durch Missernte) vorwiegend Landarbeiter ohne Besitz betroffen, die durch die Segnungen der Aufhebung der Leibeigenschaft 1805 zwar nunmehr frei geworden, doch damit auch zu einem Großteil ihrer angestammten Arbeit verlustig gegangen waren. Die Hufner, die zuvor von den Gutsherren zu Hofdiensten verpflichtet waren und zu diesem Zweck Knechte und Mägde über den eigenen Bedarf auf ihren Höfen gehalten hatten, bewirtschafteten die ihnen nunmehr in Erbpacht gegebenen Stellen mit nur noch rund der Hälfte an Personal. Die andere, freigesetzte Hälfte verdingte sich den Sommer über so gut es eben ging als Zeitarbeiter/Tagelöhner in der Landwirtschaft oder zog als Arbeiter mit dem Straßen- und Eisenbahnbau. Der erarbeitete Lohn musste dann während des Winters, wenn die Arbeit ruhte, für die Ernährung der Familie reichen. Armut und Teuerung zogen Einbruch und Diebstahl nach sich, waren aber auch Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs. Regionaler Eisenbahnverkehr Das Eisenbahnzeitalter in Schleswig-Holstein war durch den Bau der Strecke Altona-Kiel 1844 im dänischen Gesamtstaat von nationalem Enthusiasmus geprägt. In der Diskussion um weitere Strecken bemühten sich Gemeinden und Gutsbesitzer einerseits aus wirtschaftlichen Gründen um eine Anbindung, andererseits bewirkten Ängste vor den Feuerrössern, dass Haltepunkte von den Ansiedlungen ferngehalten wurden. Die Altonaer-Kieler Eisenbahn-Gesellschaft nahm 1866 die Strecke Neumünster-Ascheberg-Neustadt in Betrieb. Die einsam gelegenen Stationen Perdoel und Kalübbe geben Zeugnis für die Vorbehalte, während Wankendorf in zentraler Lage als späterer Kreuzungspunkt mit der Kleinbahn Kiel-Segeberg (1911-1961) gleich zwei Bahnhöfe hatte. Die Konkurrenz des motorisierten Straßenverkehrs bewirkte 1985 die Einstellung des Personenverkehrs der Linie Neumünster-Ascheberg, zehn Jahre später folgte der Güterverkehr. Eisenbahnfreunde versuchen zurzeit, das behördliche Entwidmungsverfahren zu stoppen, um die Trasse für eine spätere Reaktivierung verfügbar zu halten. Landschafts- und Gewässerschutz Hecht, Barsch, Zander, Aal, Rotauge, Karpfen, Brasse, Schleie, Plötze und Maräne bilden die Grundlage der fischereiwirtschaftlichen Nutzung und des Angelsports auf den Seen der Region. Der Stolper See ist im Besitz des Landessportfischereiverbandes; die übrigen Seen sind an Binnenfischereibetriebe verpachtet, die dieses traditionsreiche Handwerk ausüben. Auf den Feuchtwiesen der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein oberhalb Kührenerbrücke fördert der Entwässerungsstopp die Regeneration der Niedermoore. Die Stiftung managt gemeinsam mit Partnern die Preetzer Postseefeldmark, wo Robustrinder eine halboffene Weidelandschaft pflegen, und beabsichtigt zudem die Vernässung des Stolper Moores. Der Gewässerunterhaltungsverband Schwentine projektiert an den drei ehemaligen Wassermühlen Sohlgleiten, um die Durchgängigkeit des Flusslaufes für Wasserlebewesen zu bewirken und plant die natürliche Entwicklung der Niederungen südlich des Postsees. An den Fließgewässerabschnitten ist der Eisvogel heimisch. Der „fliegende Diamant“ bevorzugt saubere Gewässer, nistet an Steilhängen und erbeutet kleine Wasserlebewesen durch Stoßtauchen. Dabei macht eine zunehmende Verkrautung die Nahrungssuche zum Problem. Der kleine Fuhlensee nahe Ruhwinkel ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen; der verlandende See ist von Erlenbruchwald umgeben und dient seltenen Pflanzen und Tieren als Lebensraum. Die sehr alte und imposante Kattholzeiche mit ca. 13 m Umfang nahe der Perdoeler Mühle ist ein eingetragenes Naturdenkmal, und knorrige, alte Eichen säumen beiderseits die Straße bei Gut Perdoel. Von der „Liebeseiche“ führt eine altehrwürdige Eichenallee zum ehemaligen Meierhof Diekhof und weiter nordwärts zum tief eingeschnittenen Drömlingsee und erlaubt einen Blick auf die ehemals adeligen Güter Horst und Bundhorst am Wegesrand. Perspektiven der Kultur- und Naturlandschaft Die Fließgewässerabschnitte oberhalb des Stolper Sees sind für Wasserwanderer nur schwer zu befahren, da sie sehr mit Wasserpflanzen durchwachsen sind; der Abschnitt von der Depenauer Mühle bis in den Postsee dagegen kann nahezu mühelos befahren werden. Während Belauer See und südlicher Postsee nur für Durchfahrten genutzt werden dürfen, sind die anderen Seen frei befahrbar. Übersetzmöglichkeiten für Boote an den drei Wassermühlen stehen im Zuge der Errichtung von Sohlgleiten zur Diskussion. Campingplätze am Bornhöveder Freibad und an der Perdoeler Mühle sowie Badestellen an den Seen stehen für Freizeitgestaltung am Wasser zur Verfügung. Landschaftlich und verkehrsberuhigt empfehlenswert sind die Wege vom Freibad Bornhöved über Altekoppel, Stolpe, Depenau, Löptin und Postfeld bis nach Preetz (über den Kleinbahndamm). Nach der Erneuerung der maroden Brücke an der Depenauer Mühle führt ein Wanderweg wieder zur Eichenallee Richtung Diekhof. Die Ausschilderung der Radwege ist vorbildlich und lässt kaum Irritationen zu. Der Radweg an der L 67 aus Ascheberg endet an der Abzweigung zum Gut Horst und sollte bis Depenau weitergeführt werden, um diese Lücke im Radwegenetz zu schließen. Kurz vor der Einmündung in den Postsee kreuzt der Fluss den alten Kirchsteig von Postfeld nach Preetz, der in früheren Zeiten über eine Brücke führte. Heute ist eine Umrundung des südlichen Postsees nur auf der Landstraße über Kührenerbrücke möglich, die keinen Fuß- und Radweg hat. Mit Austritt aus dem Schmalensee verlässt die Alte Schwentine den Kreis Segeberg und verbleibt auf ihrem Weg zur Mündung im Kreis Plön. Dabei durchläuft sie die Ämter Bokhorst-Wankendorf und Preetz-Land sowie die Stadt Preetz. Diese sind Mitglieder der AktivRegion Schwentine - Holsteinsche Schweiz, die im Rahmen des "Zukunftsprogramm Ländlicher Raum" Projekte fördert, mit denen das Leben auf dem Lande attraktiv und zukunftsfähig gestaltet werden soll. Die ländlichen Strukturen und die faszinierende Landschaft bieten Möglichkeiten der Wertschöpfung über mittelständische Wirtschaft und Landwirtschaft hinaus. Mit der vielfältigen Natur- und Kulturlandschaft verfügt die Region über ein Potenzial, das letztlich seinen Bewohnern Zukunftsperspektiven vermitteln kann. Die Alte Schwentine durchläuft von der Quelle bei Bornhöved über das Wankendorfer Seengebiet und den Postsee bis zur Mündung in Preetz eine zusammenhängende kulturhistorische Landschaft, deren Liebreiz dem der Holsteinischen Schweiz nicht nachsteht und den es zu entdecken gilt.
Die Autoren Theresia Künstler (57), Stolpe und Gerd Dreßler (63), Preetz engagieren sich kommunalpolitisch im Naturschutz und werben für sanften Tourismus in der Region. |
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